Eine besondere literarische Gattung mit einem „seltsamen, unerhörten Ereignis“ (Goethe) als zentralen Konflikt. Dieses Format eignet sich besonders für die bissige Betrachtung des menschlichen Beisammenseins. Diejenigen Kurzgeschichten und Novellen, die von 2012-2017 zur Teilnahme an Literaturwettbewerbern entstanden sind, erscheinen als „Kurz & Blutig – Dinner & Dunkle Kurzgeschichten“ in einer Sammlung.

Sonntags-Rouladen

Ernst Walter hatte seine Frau Mechthild Walter ermordet. Heute beim Frühstück. Ihre Todesursache: Strangulation bis zum Erstickungstod. Seine Tatwaffe: Die Schlaufe der schweren Wohnzimmer-Vorhänge. Farbe: altrosé. Seine Gelegenheit: ein Redeschwall der ihr ohnehin schon die Luft nahm. Sein Motiv: 37 Jahre Ehe. Unschuldig, im Sinne der Anklage. Die Strafe hatte er im Notfall ohnehin schon längst abgesessen. In Ehe-Haft. Da trifft es ganz andere weit weniger hart. So im Gefängnis. So viel stand fest.

Er hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt. Überfahren während sie das Garagentor öffnet. Vergiften mit Unkrautvernichter. Ertränken in der Badewanne. Erstechen mit dem guten Fleischmesser. Beim öden Spazierengehen von der Brücke stoßen. Es war bislang einfach immer etwas dazwischen gekommen. Besuch, Weihnachten, Ostern, Pfingsten oder der Sonntagsbraten. Nun war es also Erwürgen mit der Gardinenschlaufe nach dem Freitagsfrühstück geworden. Auch gut. Den Sinn von Über-, Unter-, Obergardinen, Schleifen und Schlaufen hatte er nie verstanden. Nun hatten sie aber also doch noch eine nützliche Verwendung gefunden. Ernst richtete sich kerzengerade auf, streckte sich, schloss die Augen, atmete tief ein und sammelte sich. Göttlich. Diese Ruhe. Kein Quengeln, Keifen, Fragen, Nörgeln. Einfach nur Ruhe. Keine Kommandos, Vorwürfe, Beleidigungen, Bloßstellungen. Einfach nur Ruhe. Kein schwatzen, kommentieren, bestreiten, fordern. Einfach nur Ruhe. Keine Gebote, Verbote, Einwände, Widersprüche. Einfach nur Ruhe. Das war seine Zukunft. Göttliche Stille. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf seine Züge. Nachdem er einen Moment so genießend dagestanden hatte, klatschte er in die Hände und stemmte unternehmungslustig die Fäuste in die Hüften. Was sollte er ob seiner neu gewonnenen Freiheit nun als Erstes tun? Sie konnte ja erst einmal da liegen bleiben. Weglaufen würde sie ja nicht. Auf der Suche nach einer besonderen Herausforderung schaute er sich um. Ein Blick auf die Uhr. Es war 10 Uhr am Vormittag. Zu früh für ein Feierabendbier. Fußball und Dritte-Reich-Dokus liefen ohnehin noch nicht. Das schied aus. Er funkelte die Möbel angriffslustig an. Alles an seinem Platz, wo es hingehörte. Alles

sauber, da musste nichts getan werden. Gut, das hatte er ohnehin nicht vor. Das wäre ja auch noch schöner, als erstes den Staubwedel zu schwingen! Ausgerechnet er. Dummer Gedanke. Im Geiste ging er die Räume ihres Haues durch. Bestens gepflegt, sauber gehalten, nichts zu tun. Da musste es eindeutig etwas Besseres für ihn geben. Es war November. Der Rasen musste also nicht gemäht, die Hecken nicht geschnitten werden. Ach, er wollte seine spät zurückgewonnene Junggesellen-Freiheit feiern, da fiel ihm doch sicher noch etwas Angemesseneres ein, als Gartenarbeit! Auf jeden Fall. Ein Buch lesen. Puh, das war schon länger her. Das Werkzeug in der Garage sortieren. Fällt grob unter Gartenarbeit. Außerdem nicht an Feiertagen, und heute war nun bekanntlich einer. In Ruhe Fußball schauen. Ach so, das hatte er schon; nein. Das Anzeigenblatt lesen und die Inserate der Baumärkte intensiv studieren. Schon beim Frühstück erledigt. Das Auto waschen! Zu kalt und schmuddelig draußen. Außerdem war es schon blitzblank. Seine Frau zum Einkaufen fahren! Ach so, nein.

Ein Blick auf die Uhr. Es war 10:03 Uhr. (ENDE Textauszug)

 

Die vollständige Geschichte gibt es im Buch „Kurz & Blutig“ zu lesen!

 

Auch schon mal beim Frühstück darüber nachgedacht, wie man die Gattin am besten um die Ecke bringt? Und was fängt man mit den Resten eines entmannten Ehemanns an – Biomüll oder Geschnetzeltes? Wann genau tritt eigentlich der Tod ein – wenn man kein Herz mehr hat? Am besten denkt man über solch heikle Fragen jedenfalls beim Kochen, Essen und Trinken nach.

Die vielfältigen Geschichten der Autorin Svea J. Held lassen das Wasser im Mund zusammen laufen und das Blut in den Adern gefrieren. Zumeist verfolgt der Leser die düsteren Gedanken der Hauptfiguren und darf durch deren Augen einen kurzen Blick in ein anderes Leben werfen. Leben, in denen Beziehungen einen weniger glücklichen Ausgang nehmen. Die Gerichte dafür aber stets gelingen.

10 Geschichten, 10 Rezepte, 10 Fotografien.

Bitter, böse und bestechend.

Blutige Novellen über ungenießbare Liebe und kurze Rezepte für Leidenschaftliches im Kochtopf.

Mit einem Sterbensvorwörtchen von Christoph Brand.

160 Seiten 12,99 € (D)
erschienen September 2017